Ich will Apps bauen, die Menschen ernst nehmen
Im Urlaub hatte ich endlich etwas Abstand zum Alltag. Kein nächster Build, keine offene Liste mit kleinen Bugs, keine Entscheidung, die „eigentlich nur fünf Minuten“ dauern sollte und dann doch den halben Vormittag frisst.
Dabei habe ich über eine Frage nachgedacht, die ich lange eher gefühlt als formuliert habe: Warum baue ich eigentlich Apps?
Die einfache Antwort wäre: weil ich Apps mag. Das stimmt auch. Ich habe schon immer eine starke Meinung dazu gehabt, was eine schöne und gute App ausmacht. Bei vielen Dingen denke ich: Das könnte klarer sein. Oder einfacher. Oder einfach mit mehr Liebe gemacht.
Aber das ist noch kein richtiges Warum.
Ich glaube, ich will digitale Produkte bauen, die Menschen ernst nehmen.
Das klingt erst einmal groß, zeigt sich für mich aber in sehr kleinen Dingen. In einer App, die nicht mehr Funktionen hat als nötig. In einem Text, der verständlich ist. In einem Button, der dort sitzt, wo man ihn erwartet. In einem Ablauf, der nicht erklärt werden muss. Und auch darin, dass eine App nicht ständig nach Aufmerksamkeit fragt, obwohl sie gerade gar nichts von mir braucht.
Komplexität braucht einen guten Grund
Viele Apps werden mit der Zeit immer voller.
Noch eine Einstellung. Noch ein Bereich. Noch eine Funktion, die vielleicht irgendwann irgendjemand brauchen könnte. Einzelne Wünsche wirken oft plausibel. Zusammen machen sie eine App schnell kompliziert.
Ich möchte Komplexität nicht grundsätzlich vermeiden. Manche Probleme sind komplex, und manchmal braucht eine gute Lösung eben mehr als einen Schalter.
Aber eine Funktion sollte sich ihren Platz verdienen. Für mich reicht es nicht, dass sie technisch möglich ist oder dass ein einzelner Nutzer danach fragt. Sie sollte ein häufiges und spürbares Problem lösen. Sonst ist sie am Ende oft nur eine weitere Entscheidung, die alle anderen treffen müssen.
Eine gute App muss nicht möglichst viel können. Sie muss das Richtige gut können.
Design ist nicht der Teil nach der Funktion
Ich merke ziemlich schnell, wenn eine App lieblos gemacht ist.
Oft sieht man Standardkomponenten, die einfach aneinandergereiht wurden. Das ist nicht automatisch falsch. Ich nutze selbst gerne native Komponenten und Standards. Sie geben einem eine gute Grundlage und sorgen dafür, dass sich eine App vertraut anfühlt.
Schwierig wird es, wenn dort die Arbeit aufhört.
Aktuell sieht man das zum Beispiel bei vielen Apps, die einfach Liquid Glass übernehmen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob es zur App, zum Inhalt oder zur Nutzungssituation passt. Die Oberfläche ist dann modern, aber nicht unbedingt gut gestaltet.
Design ist für mich kein dekorativer Anstrich, der am Ende über die Funktion kommt. Design entscheidet mit darüber, ob etwas verständlich ist, ob es sich ruhig oder anstrengend anfühlt und ob Menschen gerne wiederkommen.
Gute Software fühlt sich für mich so an, als hätte jemand mitgedacht.
Aufmerksamkeit ist kein Rohstoff
Ich möchte mit meinen Apps Geld verdienen. Das gehört dazu, wenn man unabhängige Produkte bauen will.
Trotzdem gibt es Wege, die für mich nicht infrage kommen. Werbung zum Beispiel. Ich möchte nicht, dass eine App Menschen unterbricht oder ihre Aufmerksamkeit verkauft. Genauso wenig möchte ich Dinge einbauen, die Menschen länger in einer App halten, obwohl es für sie keinen echten Nutzen hat.
Bei Abos bin ich differenzierter. Ein Abo kann fair sein, wenn eine App dauerhaft Wert liefert oder laufende Kosten entstehen. Aber ein wiederkehrender Preis braucht für mich auch einen wiederkehrenden Gegenwert.
Ein Abo nur deshalb einzubauen, weil es besser planbaren Umsatz verspricht, fühlt sich falsch an.
Ich möchte, dass Menschen nachvollziehen können, wofür sie bezahlen. Und ich möchte, dass sie sich dabei nicht überrumpelt fühlen.
Ich will wissen, ob die App funktioniert. Nicht, wer sie benutzt.
Dasselbe gilt für Daten.
Ich möchte wissen, ob eine App abstürzt. Ob eine Funktion Probleme macht. Ob etwas langsam ist oder nicht so funktioniert, wie es soll. Diese Informationen helfen mir dabei, das Produkt besser zu machen.
Aber ich muss nicht wissen, wer genau meine App nutzt, was diese Person sonst macht oder wie sich einzelne Menschen durch jede Ecke der App bewegen.
Mich interessiert die Qualität der App, nicht die Identität der Nutzer:innen.
Das bedeutet nicht, dass man gar keine Daten braucht. Es bedeutet, dass man vorher einen Grund haben sollte. Wenn eine Information nicht hilft, die App zuverlässig zu betreiben oder zu verbessern, muss sie auch nicht gesammelt werden.
Feedback ist der Anfang, nicht die Lösung
Am schönsten ist es für mich, wenn Menschen meine Produkte wirklich nutzen und mir Rückmeldung geben.
Auch kritische Rückmeldung.
„Das ist scheiße“ hilft erst einmal nur begrenzt weiter. Aber dahinter steckt oft etwas Wichtiges: Frust, ein unklarer Ablauf, eine Erwartung, die nicht erfüllt wurde. Wenn man versteht, was genau schiefgelaufen ist, kann daraus eine bessere Lösung entstehen.
Ich möchte Feedback deshalb nicht blind in Features übersetzen.
Wenn jemand eine bestimmte Funktion fordert, ist das nicht automatisch die richtige Umsetzung. Vielleicht löst sie nur ein Symptom. Vielleicht gibt es eine einfachere Lösung. Vielleicht betrifft das Problem viele Menschen, vielleicht nur einen sehr speziellen Fall.
Zuhören heißt für mich, das eigentliche Problem verstehen zu wollen. Dann kann daraus etwas entstehen, das nicht nur einen Wunsch abhakt, sondern die App insgesamt besser macht.
Der Anspruch für meine Arbeit
Ich werde nicht jede Entscheidung perfekt treffen. Manche Funktionen werden sich später als unnötig herausstellen. Manche Designs werden nach einer Weile nicht mehr richtig wirken. Und manchmal wird Feedback zeigen, dass ich etwas falsch eingeschätzt habe.
Das gehört dazu.
Wichtig ist mir, nicht gleichgültig damit umzugehen. Ich möchte genauer hinschauen, zuhören, Dinge hinterfragen und sie besser machen.
Ich will Apps bauen, die klar statt unnötig kompliziert sind. Die bewusst gestaltet sind. Die respektvoll mit Zeit, Aufmerksamkeit, Geld und Daten umgehen.
Apps, bei denen man merkt: Hier hat jemand nicht nur eine Funktion ausgeliefert. Hier hat jemand versucht, es gut zu machen.